This is a piece of writing where past me was apparently bitten by a creativity-bug. This happens from time to time. Republished as-is for posteriority.
FutureSjut
“In den Rauhnächten ablegen? Ich sage Ihnen, Inquisitor, das ist WAHNSINN!”
“Was hier Wahnsinn ist und was nicht sollten Sie mit überlassen, Kapitän Peterson. Ich erwarte, dass Ihre Besatzung um Schlag sechs angetreten ist. An jedem Fahnenflüchtigen werde ich ein Exempel statuieren lassen. Ich hoffe doch, wir haben uns verstanden.”
Mit diesen Worten lies Inquisitor Álvarez Peterson stehen, der ihm kopfschüttelnd nachblickte.
“Wahnsinn…” murmelte der Alte in seinen Bart. Aber die Kaiserliche Inquisition hielt nichts vom ‘lokalen Aberglauben’ des nördlichen Reichsgebiets, und der Ruf Álavarez’ eilte ihm voraus: er würde seine Drohung wahrmachen. Der schmale Spanier mit dem sorgsam gezwirbeltem Bart, der problemlos zweimal in seinen tiefroten Mantel mit den goldenen Inquisitionsabzeichen gepasst hätte, galt als einer der skrupel- und rücksichtslosesten Diener des schlimmsten der Kaiselichen Geheimdienste.
Peterson machte sich auf den Weg zurück zur Brigid, dem Prototypen neuer, schneller Luftschiffe der Kaiserlichen Marine, benannt nach der jüngsten Tochter des Kaisers, dessen Kommando er von wenigen Wochen erhalten hatte. Ein einfaches Kommando über Probefahrten im eigenen Luftraum mit ausgereifter Technologie. Sein letztes Kommando vor dem Ruhestand, wie ihm versichert worden war. Und jetzt kam Álvarez daher und forderte das “schnellste Schiff der Flotte”, um, wie er sagte, “einem äußert schweren Fall von Häresie” nachzugehen. Peterson hielt das für Unsinn. Niemand in diesen Breiten würde es wagen, die Aufmerksamkeit der wilden Jagd auf sich zu ziehen – und jene, die es doch wagten, hätten ihr Schicksal verdient.
Zurück an Bord wies der Alte die beiden Wachmatrosen an, die Mannschaft zusammenzurufen. “Anweisung der Inquisition”, was die beiden nicht grade beruhigen konnte. Der Alte begann, unruhig an Deck herumzugehen, seine große, kräftige Gestalt in den blauen Marinemantel zurückgezogen, die Mütze tief ins bärtige Gesicht gezogen.
Als die zwanzigköpfige Besatzung der Brigid eingetroffen war schilderte Peterson die Lage.
“Um diese Zeit? Das ist…”
Der Alte fuhr Williams, dem Bordingenieur, hart ins Wort: “Wahnsinn, das wissen hier alle. Aber Álvarez will unbedingt seinem Hirngespinst nachjagen. Und er hat angedroht, jeden auf schärfste zu Bestrafen, der nicht pünktlich hier ist.”
Unter den Männern machte sich deutlicher Unmut breit. Alle hatten sich auf ruhige Tage bei ihren Familien gefreut, und niemand war besonders erpicht, sein Leben für die Inquisition aufs Spiel zu setzen.
“Wegtreten!”
Während die Mannschaft sich auf den Rückweg zu ihren Familien machte, setzte sich Peterson an seinen Schreibtisch. Auch wenn er nichts tun konnte, um den Befehl des Inquisitors zu umgehen, konnte er doch zumindest eine formelle Beschwerde einlegen. So kurzfristig würde sich an der Situation nichts ändern lassen, aber Álvarez handelte nach eigener Aussage auf eigene Faust und entgegen aller Einwände – ein Verhalten, was ihm hoffentlich zumindest eine Rüge einbringen würde.
Am nächsten Morgen erwartete Álvarez die Besatzung bereits, begleitet von zwei Soldaten der Inquisition, die eine schmale, geschundene Gestalt zwischen sich stützten. Mit Schrecken erkannten die Matrosen ihren Schiffsjungen zwischen den Soldaten, sein Gesicht blutverschmiert, ein Bein gebrochen.
“Dieser Feigling”, donnerte Álvarez, “dieser Feigling, diese SCHANDE für die Krone, versuchte, sich in der Nacht aus der Stadt zu schleichen! Die Stadtwache folgte meinen Anweisungen und brachte ihn zu mir. Er wird seine Lektion lernen, genauso wie jeder andere, der es wagt, sich der Kaiserlichen Inquisition zu widersetzen! Und jetzt steht nicht so herum, an die Arbeit!”
Die Männer beeilten sich, an Bord zu gehen und das Luftschiff bereit zu machen. Trotz aller Hektik dauerte es zwei Stunden, bis alles bereit war – am zeitaufwendigsten war die Prüfung des Ballons, der über dem Rumpf hing. Die Reparatur, die am Kai noch leicht zu bewältigen wäre, wäre nach dem Start eine lebensgefährliche Aufgabe.
Obwohl im nicht viel wohler zumute war als dem Rest der Besatzung, blieb der Alte routiniert in seinem Verhalten und seinen Anweisungen. Der Kapitän hat seiner Mannschaft ein Vorbild zu sein, war es ihm an der Marineakademie eingehämmert worden. Doch genauso hatte ihm seine Großmutter eingehämmert, dass man in der Zeit zwischen den Jahren im Haus bleiben soll. Dass man die wilde Jagd nicht stören soll. Und so sehr er sich bemühte, die Erzählungen als Gruselgeschichten für Kinder abzutun, so war es doch auch eine Tatsache, dass grade zu dieser Zeit immer wieder Reisende verschwanden…
Aus dem Sprachrohr im Maschinenraum hallte Williams’ Stimme: “Maschinen klar, bereit zum ablegen!”
Ein Blick auf die Instrumente der Brücke bestätigte dem Alten die Aussage des Ingenieurs.
“Leinen los! Druck auf den Ballon, auf 500 Meter aufsteigen!”
Er wandte sich an den Inquisitor, der ungeduldig am Heck auf- und ablief: “Jetzt wäre der Zeitpunkt mir zu sagen, wo Sie überhaupt hinwollen.”
Wortlos reichte ihm Álvarez ein versiegeltes Dokument. Der Alte brach das Siegel und überflog den Inhalt. Er deckte sich mit jenem Schreiben, mit dem der Inquisitor die Brigid requirierte. Eine nicht näher beschriebene Häresie, von Álvarez selbst aufgedeckt und auf eigene Verantwortung verfolgt. Der einzige wirkliche Unterschied der beiden Dokumente war das Ziel: anscheinend ein Plateau am Weltenthron, der Gebirgskette im hohen Norden. Das erklärte natürlich, warum der Inquisitor auf der Brigid bestanden hatte: sie galt als das bis dato schnellste Schiff der Flotte.
“Neuer Kurs: drei-vier-sieben, dreiviertel Fahrt.”
Die neuen Motoren unter Deck gaben schnell die geforderte Leistung, schneller als es die alten Dampfmaschinen gekonnt hätten, die Brigid drehte nach Norden, nahm an Fahrt auf und glitt durch den klaren Morgen.
Fünf Tage später hatte sich das Wetter bereits drastisch verschlechtert. Wolken hingen bis zum Boden, der Luftdruck spielte verrückt und machte den Höhenmesser nutzlos und die Brigid wurde von heftigen Stürmen und Luftlöchern geschüttelt. Mehrere Matrosen hatten schon Prellungen davongetragen, und ausgerechnet der Koch war so ungünstig gestürzt, dass er sich den Arm gebrochen hatte.
Álvarez verbrachte die Zeit ausschließlich damit, die Besatzung zu traktieren. Der Alte hatte es ihm mit Mühe ausreden können, täglich das Schiff schrubben zu lassen, was ihn in den letzten zwei Tagen zum Ziel wiederholter Vorwürfe der Unfähigkeit hatte werden lassen. Am meisten unter den Vorwürfen litt jedoch Williams, der sich täglich mehrfach Sabotagevorwürfe gefallen lassen musste, weil es dem Inquisitor nicht schnell genug ging. Peterson redete vergebens dagegen an, alle Argumente, dass Williams’ niemals dieses Schiff, an dem er von Anfang an beteiligt war, sabotieren würde, wischte Álvarez beiseite.
“Peterson, ich fordere Sie noch einmal auf, die Luke zu öffnen. Ich verlange, an Deck gelassen zu werden!”
“Inquisitor, ich sage es Ihnen ein letztes Mal. Auch wenn Sie formell das Kommando übernommen haben, bin ich immer noch für die Sicherheit aller an Bord verantwortlich. Und bei dem Sturm verlässt NIEMAND das Schi…”
Unterbrochen wurde der Alte von einem heftigen Seitenwind, der die Brigid fast in die Waagerechte brachte und ihn beinahe vom Steuer getrennt hätte.
“Können Sie das Schiff nicht ruhiger halten? Sind Sie, der ach-so-berühmte Kapitän Peterson, dekorierter Held mehrerer Kaiserlicher Feldzüge, wirklich SO UNFÄHIG?”
Auf der Stirn des Inquisitors, der schwer gegen den Kartenschrank gefallen war, pochte eine deutlich sichtbare Ader. Grade als Álvarez seine Tirade fortsetzen wollte, wurde es still. Zu still. Wo zuvor noch der Sturm heulte und alle Planken unter der Last ächzten, herrschte jetzt eine gespenstische Ruhe. Dann ertönten Schritte auf Deck.
“Das werden Piraten sein, die sich im Sturm genähert haben! Na los, ihr Feiglinge! An die Waffen! Was sitzt ihr hier so rum?”
Keiner der Männer rührte sich. Alle errinnerten sich an die Geschichten, die die alten Matrosen erzählten. Die Geschichten, wie es ist, wenn die wilde Jagd ein Schiff fand. Die Geschichten, die nie einer unterbrach. Die Geschichten, bei denen niemand am Ende die lebhafte Phantasie des Erzählers belächelte. Álvarez explodierte.
“WAS SEID IHR FÜR MATROSEN? LASST EUCH VON DEN GRUSELGESCHICHTEN EURER GROßMÜTTER EINSCHÜCHTERN! LOS JETZT, ODER ICH SORGE PERSÖNLICH DAFÜR, DASS IHR DIE KONSEQUENZEN TRAGT! AN DIE…”
“GENUG!”
Álvarez brauchte einen Moment, um das gehörte zu verarbeiten. Der Alte erdreistete sich tatsächlich, ihm ins Wort zu fallen. Er wirbelte herum – und blickte in den Lauf einer Pistole.
“Inquisitor, Sie wollten an Deck. Wir werden jetzt an Deck gehen. Und Sie werden die Verantwortung für Ihr Handeln übernehmen.”
Sprachlos und völlig überrumpelt lies Álvarez sich an Deck führen. Geschockt von dem Anblick, der sich ihm präsentierte blieb er am Ende der Treppe stehen, bis der Alte ihn weiterschob. Er stolperte, stürzte und landete mitten an Deck auf den Knien.
An Deck präsentierte sich eine Gesellschaft teils geisterhafter, teils körperlicher Wesen, Menschen und auch Hunde, alle zur Jagd gerüstet, ebenso wie die Wesen, die beide Männer nur aus den Legenden kannten: Götter und Hüter der Wälder, gehörnte Halbmenschen, auch sie zur Jagd bereit. Um die Brigid herum in der Luft standen Reittiere, gesattelt und geschmückt, zum großen Teil Pferde, aber auch einige Elche und Hirsche.
Auf der Treppe zum Vordeck saß ihr Anführer, der Herr der Jagd, nur einen Lendenschurz über den in Hufen endenden Beinen, den Oberkörper bemalt, das Gesicht unter einer Maske aus Baumrinde verborgen, sein mächtiges Geweih stolz erhoben. Als er zu sprechen begann, rollte seine tiefe Stimme dem Sturm gleich über das Schiff:
“Es ist nicht weise, die Aufmerksamkeit der wilden Jagd auf sich zu ziehen, Kapitän. Ihren Weg bewusst zu kreuzen ist ein Frevel.”
“Wir handelten auf Anweisung des Inquisitors Álvarez. Er drohte uns offen mit furchtbarer Bestrafung, sollten wir seinen Befehlen nicht folgen. Ich bitte Euch, verschont meine Mannschaft.”
“Wer die Jagd zwischen den Jahren stört, der ist verloren.”
Er musterte den Alten und Álvarez ausgiebig unter seiner Maske, doch als er wieder zum sprechen ansetzte fuhr der Inqusitor dazwischen: “Ich bin Inquisitor des Kaisers, und in Seinem Namen unterwegs. Rührt mich an, und euer aller Schicksal ist besiegelt! Ich lasse mich nicht von irgendwelchen… irgendwelchen Tricks und Verkleidungen irreführen! Ich durchschaue euer Spiel! Ich… ich…”
Seine Stimme verlor sich im Gelächter der Anwesenden, das erst verklang als der Herr der Jagd wieder seine Stimme erhob: “Wer mir frevelt, besiegelt sein Schicksal. Ihr wart jener, der die Jagd störte, und dafür werdet Ihr büßen müssen.”
Mit drei Schritten war er bei Álvarez und hob ihn von Deck, die Hand an seiner Kehle.
“Euer Leben war kein Gutes, und es endet unrühmlich. In die Hölle, in die Ihr so viele verbannen wolltet, sollt Ihr nun selber heimkehren.”
Noch während dieser Worte begann der Inquisitor sichtlich und schnell zu altern. Ein Schrei voller Entsetzen, voller Angst, ein markerschütternder Schrei entkam noch seiner Kehle, bevor er in den Händen des Maskierten zerfiel.
“Holt Eure Männer an Deck.”
Bleich und zitternd folgte der Alte der Anweisung, ging unter Deck und befahl der Mannschaft, an Deck zu kommen.
“Euch und Eurer Mannschaft lies er keine Wahl. Dieses Schiff ist verloren, wie Ihr wisst, doch jenen von Euch, die dieses Wünschen, sei es erlaubt, sich der Jagd anzuschließen. Ein besseres Schicksal als in diesen Tagen weitab zu sterben ist es allemal.”
“Ich bleibe”, sprach der Alte mit brüchiger Stimme.
“Ich bitte um die Erlaubnis, ebenfalls bleiben zu dürfen.”
Williams fielen diese Worte sichtlich nicht leicht, aber er sprach sie mit einer Überzeugung, die deutlich sagte, dass er an Bord bleiben würde, egal wie der Alte reagiert.
“Erteilt.”
Nach den Stürmen am Jahreswechsel klarte das Wetter auf. Träge glitt die Sonne über den Horizont und tauchte den schneebedeckten Wald in goldenes Licht. In einer neugeborenen Lichtung lagen die Überreste der Brigid, immer noch schwelten einige Feuer, doch das Licht der neuen Sonne verlieh selbst diesen Trümmern noch einen friedlichen Eindruck.
Gefunden wurden nur die Überreste von Ingenieur Williams und Kapitän Peterson, in dessen steifen Fingern seine letzte Botschaft steckte:
“Die wilde Jagd zu stören ist ein Frevel, und den Hochmütigen, die den Göttern des Landes Freveln, ist die Strafe gewiss.”
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